Der Tag, an dem die Wolken kamen

Schwarz. Alles. Samstag wurde zerstört, was morgen hätte goldene Zukunft sein sollen. In Bremen ist man sich nach nur zwei Pflichtspielen in der neuen Saison einig: das Ende, das sind wir. Wehte im Vorfeld des Starts eine grün-weiße, in Euphorie und Naivität getränkte Flagge über dem Rathausplatz, so bringen die Bürger der Hansestadt schon jetzt ihre Trikots und Schals zum Roten Kreuz. „Vielleicht bekomme ich dafür ja eine warme Suppe“ hofft Willi, 65, Rentner mit hochrotem Kopf und wütender Miene. Kinder weinen. Es ist kalt. Regen nistet sich ein und will für immer bleiben. Das Wasser wird kommen, das Stadion fluten und den ganzen Mist, der sich Mannschaft nennt, aus der Kabine spülen. Hinaus aufs offene Meer. Weit weg von all der Träumerei.

„Immer dieses Schönschreiben! Man wird doch wohl noch offen Missstände ansprechen dürfen?!“ Ich höre das. Ich lese die Texte. Verstehe den Ärger. Aber auf welcher Grundlage? Gewonnenen Testspielen? Dem Audi-Quattro-Cup? Dem „best team goal“ oder der „Wonderwall“? Alles Dinge, die im luftleerem Raum namens Sommerpause die Gemüter besänftigten und Beschäftigung schafften. Wenn der Schiedsrichter das erste Pflichtspiel der Saison anpfeift, zählen all diese Dinge aber nicht mehr. Das war schon immer so und doch wird dadurch jedes Jahr aufs Neue eine Erwartungshaltung geschürt, die die Mannschaft eigentlich nicht erfüllen kann.

Wir wollen Wachstum. Immer höher, weiter, besser. Und wenn es nicht so läuft, wird eben medial der Druck erhöht. Wohl wissend, dass es eigentlich nicht zu mehr reicht. „Fehlstart“, titelt die Kreiszeitung aus Syke. Ein pfiffiger Kommentar von Björn Knips. Messerscharf analysiert, dass mit der aktuellem Mannschaft nicht mehr als Mittelmaß drin ist, was gleichzeitig nicht nur Schlussfolgerung sondern auch Hauptkritikpunkt ist. Mich verwirrt das. Wenn ich mir ein Auto mit der kleinsten Maschine kaufe, nach einer Woche wutentbrannt zum Autohaus zurückkehre und dem Verkäufer vorwerfe, das Auto wäre ja viel zu langsam, sollte ich mir lieber selbst ein paar Fragen stellen.

Auch Teil der Kritik: In der Vorbereitung spielten Di Santo, Ujah und Eggestein in der vordersten Reihe. Gegen Schalke standen lediglich Ujah und Di Santo von Beginn an auf dem Rasen und das nicht einmal mehr im selben Team. Warum also diese Zeitverschwendung in der Vorbereitung, wenn zum Saisonstart alles anders ist? Dinge die man fragen darf. Nur ist eines ganz klar: spielt ein Eggestein ähnlich schwach wie gegen Würzburg wird dem Trainer Naivität und die Priorisierung einzelner Spieler vorgeworfen. Sitzt Di Santo den Großteil der Vorbereitung auf der Bank, wird Werder bei einem Wechsel fehlendes Engagement und bewusste Ausbootung ans Klingelschild genagelt.

Lösungsansatz? Gewinnen! Und was, wenn wie gegen Schalke das Material unterlegen ist und das Pech treu an deiner Seite steht? Besser spielen, mehr laufen, gemeiner grätschen und lauter schreien. Wenn der Motor nicht mehr hergibt, einfach besser fahren. Simply clever eben. Doch die Schalker haben dieses Spiel alles andere als unterschätzt. Breitenreiter himself hat in der letzten Hinrunde ein 4:0 einstecken müssen. Geis sprach nach dem Spiel von einem 3:0 was in Bremen „nicht selbstverständlich“ sei.

Ab jetzt zählt nur noch purer „Kampf und Krampf“. So steht es geschrieben. Man zuckt in sich zusammen. Die ersten Tränen finden den Weg aus ihren Drüsen und benetzen die Haut mit einem säureähnlichem Film, der einem jeden das Lachen aus dem Gesicht treibt. Kampf und Krampf: was denn sonst? Wieso sollte das anders sein? Bargfrede, Fritz und Junuzovic sind auch zur neuen Saison Bargfrede, Fritz und Junuzovic. Keine gefragten Superstars oder Ballvirtuosen. Die, die das mal werden könnten sind 18 oder 19 Jahre alt und sehen gerade die ersten Bälle durch Bundesligastadien segeln. Wo ist die Diskussionsgrundlage, wo ist die Basis für Erlebnisfußball und endlose Ballstafetten? Habe ich da was verpasst?

Namen fliegen durch den Raum, wie Kissen bei einem Sleep-Over. Jeder kennt ihn, den einen Spieler den man verpflichten MUSS. Ermüdend. Der Werder Weg beinhaltet leere Planstellen im Kader, wenn man sich den Spieler, den man für geeignet hält, schlichtweg nicht leisten kann. Die Alternative? Risiko, Obraniak und wie sie alle heißen. Jeder Schritt, jeder Transfer im Millionenbereich muss mit aller Sorgfalt geprüft werden, weil es keine Rahmen für Fehler gibt. Kein Budget um nachzubessern. Wer keinen Kühne will, muss sich damit abfinden.

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