Now and then Part I

Fundstücke aus der Vergangenheit:

Werder – Borussia M’Gladbach 20.10.12; 4:0 (2:0)

Das liegt doch auf der Hunt. Dieses eine Gefühl was dich ergreift, wenn du etwas lang verloren Geglaubtes wiederfindest. Etwas wovon du dachtest, dass du es nie wieder sehen wirst. So etwas wie Bundesliga in Bielefeld. Es ist immer ganz nah. Beinahe jeder Tagtraum verirrt sich in seine Fänge. Ein schwarzes Loch, so groß wie das Portemonnaie des wolfsburger Propheten. Nicht selten wäre man dafür bereit seinen letzten balonseidenen Trainingsanzug zu geben.

Feels like home

Ich habe Samstag etwas im Weserstadion gesehen mit dem ich erst wieder mit der Abschaltung der Atomkraftwerke oder Frieden in Nahost gerechnet hätte. Was ich gesehen habe? Nun ja, es war nicht Arielle oder Graf Zahl. Es war noch schöner, noch gerissener. Es war die Wiedergeburt der Freude, der taktischen Disziplin, dem konsequenten Handeln, eines eisernen Willens. Es war all das da, was uns einst so gefährlich machte und was die Gegner fürchteten. Dieser Geruch von kaltem Angstschweiß, der aus dem Gästeblock rüberschwappte jedes Mal, wenn einer der grünweißen Offensivakteuere sich den Ball schnappte. Die sich überschlagenden Medienberichte über das doch so nüchterne und sogleich spielerisch frohlockende Werder. Gegnerische Trainer, die händeringend nach Erklärungen für das Unmögliche suchten. Wir sind wieder da! Eine Hand an der Schale und eine im Schritt. Wer sind schon die Bayern, Schalke oder Frankfurt, wenn man Bremen feiern sieht. Wie schön ist es doch zu wissen, dass Angela unten drunter wieder grün weiß trägt?!

Kann jemand schneller laufen als Arnautovic, besser unfair fair verteidigen als Sokratis? Kann jemand besser passen als Aaron Hunt oder genauer flanken als KdB6? Was ist los in München? Wo bist du Sammer? Welche Ausreden suchst du dir gerade heraus, wenn du im Mai erklären musst, warum ihr Windbeutel wieder nicht Meister geworden seid?!

Wir springen im Fahren ab, keine Zeit zum Einparken

Wir reißen alles ab. Wir tunken die Stadien und Gazetten der Republik in grünweißer Unsterblichkeit und Leben die Träume, die zuletzt sogar Zeus verwehrt blieben. Wir nehmen unsere geleasten Volkswagen und reißen alles nieder. Der Schaum vorm Mund zeigt uns die Himmelsrichtung an, in die wir stürmen müssen. Niemand kann uns aufhalten. Tönnies Hund wird rasiert und Watzke in den Kofferraum gepackt. Hoeneß Würstchen werden gesprengt und Bayer leer geschluckt. Alle werden sie nur noch von uns reden, wie wir da oben sind und sie alle da unten. Ist das schön von oben runterzusehen. Nach jedem Sieg werden wir in Champus baden und uns mit BVB Aktien den Mors polieren. In grünweißen Lettern wird es am Bundestag stehen: „Ihr hattet keine Cance!“. Rösler tanzt den Wiedener. Jeder Zebrastreifen wird grünweiß gestrichen und jeden Morgen von Grundschülern poliert . Wir lassen uns von Bayern auf Podesten über die Alpen tragen. Dann wird man in ganz Europa nur noch ein Lied hören: „Wo die Weser einen Bogen macht….”

Wer da?

Stille. Etwas durchstößt meine Haut. Ich kann es nicht sehen. Eine liebliche Stimme flüstert mir ins Ohr. Sie sagt, dass ich gleich wieder da bin. Keine Angst mein Sohn. Ich lasse es passieren, wehren kann ich mich jetzt eh nicht mehr. Das Blaulicht lässt mich immer wieder wach werden. Jede Kurve wird zur Tortur. Mein Kopf platzt. Plötzlich sehe ich Klaus vor mir. Er kommt näher und spricht ganz langsam, aber umso deutlicher. Er hat recht. Natürlich. Wir sind noch nicht so weit. Die Niederlage gegen Augsburg, sie ist wieder da. Und jetzt nach Fürth. Wer weiß wie diese Mannschaft dort auftritt. „Sie kann beides“, sagt Klaus. „Ich weiß“, antworte ich ihm. „Aber ist es nicht so, dass sich die Truppe dieses Mal für ein gutes Spiel reichlich belohnt hat? Kein Schönreden mehr der Niederlagen? Das pusht doch, oder Klaus?“. „Ja“, entgegnete er mir und verschwand. Er ist weg. Ich will aufstehen. Jemand hält mich fest. Die schweißnasse Brust des übergewichtigen Rettungssanitäters drückt gegen mein Gesicht. Was wird aus Werder, wir werden wohl Geduld haben müssen.

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Der Tag, an dem die Wolken kamen

Schwarz. Alles. Samstag wurde zerstört, was morgen hätte goldene Zukunft sein sollen. In Bremen ist man sich nach nur zwei Pflichtspielen in der neuen Saison einig: das Ende, das sind wir. Wehte im Vorfeld des Starts eine grün-weiße, in Euphorie und Naivität getränkte Flagge über dem Rathausplatz, so bringen die Bürger der Hansestadt schon jetzt ihre Trikots und Schals zum Roten Kreuz. „Vielleicht bekomme ich dafür ja eine warme Suppe“ hofft Willi, 65, Rentner mit hochrotem Kopf und wütender Miene. Kinder weinen. Es ist kalt. Regen nistet sich ein und will für immer bleiben. Das Wasser wird kommen, das Stadion fluten und den ganzen Mist, der sich Mannschaft nennt, aus der Kabine spülen. Hinaus aufs offene Meer. Weit weg von all der Träumerei.

„Immer dieses Schönschreiben! Man wird doch wohl noch offen Missstände ansprechen dürfen?!“ Ich höre das. Ich lese die Texte. Verstehe den Ärger. Aber auf welcher Grundlage? Gewonnenen Testspielen? Dem Audi-Quattro-Cup? Dem „best team goal“ oder der „Wonderwall“? Alles Dinge, die im luftleerem Raum namens Sommerpause die Gemüter besänftigten und Beschäftigung schafften. Wenn der Schiedsrichter das erste Pflichtspiel der Saison anpfeift, zählen all diese Dinge aber nicht mehr. Das war schon immer so und doch wird dadurch jedes Jahr aufs Neue eine Erwartungshaltung geschürt, die die Mannschaft eigentlich nicht erfüllen kann.

Wir wollen Wachstum. Immer höher, weiter, besser. Und wenn es nicht so läuft, wird eben medial der Druck erhöht. Wohl wissend, dass es eigentlich nicht zu mehr reicht. „Fehlstart“, titelt die Kreiszeitung aus Syke. Ein pfiffiger Kommentar von Björn Knips. Messerscharf analysiert, dass mit der aktuellem Mannschaft nicht mehr als Mittelmaß drin ist, was gleichzeitig nicht nur Schlussfolgerung sondern auch Hauptkritikpunkt ist. Mich verwirrt das. Wenn ich mir ein Auto mit der kleinsten Maschine kaufe, nach einer Woche wutentbrannt zum Autohaus zurückkehre und dem Verkäufer vorwerfe, das Auto wäre ja viel zu langsam, sollte ich mir lieber selbst ein paar Fragen stellen.

Auch Teil der Kritik: In der Vorbereitung spielten Di Santo, Ujah und Eggestein in der vordersten Reihe. Gegen Schalke standen lediglich Ujah und Di Santo von Beginn an auf dem Rasen und das nicht einmal mehr im selben Team. Warum also diese Zeitverschwendung in der Vorbereitung, wenn zum Saisonstart alles anders ist? Dinge die man fragen darf. Nur ist eines ganz klar: spielt ein Eggestein ähnlich schwach wie gegen Würzburg wird dem Trainer Naivität und die Priorisierung einzelner Spieler vorgeworfen. Sitzt Di Santo den Großteil der Vorbereitung auf der Bank, wird Werder bei einem Wechsel fehlendes Engagement und bewusste Ausbootung ans Klingelschild genagelt.

Lösungsansatz? Gewinnen! Und was, wenn wie gegen Schalke das Material unterlegen ist und das Pech treu an deiner Seite steht? Besser spielen, mehr laufen, gemeiner grätschen und lauter schreien. Wenn der Motor nicht mehr hergibt, einfach besser fahren. Simply clever eben. Doch die Schalker haben dieses Spiel alles andere als unterschätzt. Breitenreiter himself hat in der letzten Hinrunde ein 4:0 einstecken müssen. Geis sprach nach dem Spiel von einem 3:0 was in Bremen „nicht selbstverständlich“ sei.

Ab jetzt zählt nur noch purer „Kampf und Krampf“. So steht es geschrieben. Man zuckt in sich zusammen. Die ersten Tränen finden den Weg aus ihren Drüsen und benetzen die Haut mit einem säureähnlichem Film, der einem jeden das Lachen aus dem Gesicht treibt. Kampf und Krampf: was denn sonst? Wieso sollte das anders sein? Bargfrede, Fritz und Junuzovic sind auch zur neuen Saison Bargfrede, Fritz und Junuzovic. Keine gefragten Superstars oder Ballvirtuosen. Die, die das mal werden könnten sind 18 oder 19 Jahre alt und sehen gerade die ersten Bälle durch Bundesligastadien segeln. Wo ist die Diskussionsgrundlage, wo ist die Basis für Erlebnisfußball und endlose Ballstafetten? Habe ich da was verpasst?

Namen fliegen durch den Raum, wie Kissen bei einem Sleep-Over. Jeder kennt ihn, den einen Spieler den man verpflichten MUSS. Ermüdend. Der Werder Weg beinhaltet leere Planstellen im Kader, wenn man sich den Spieler, den man für geeignet hält, schlichtweg nicht leisten kann. Die Alternative? Risiko, Obraniak und wie sie alle heißen. Jeder Schritt, jeder Transfer im Millionenbereich muss mit aller Sorgfalt geprüft werden, weil es keine Rahmen für Fehler gibt. Kein Budget um nachzubessern. Wer keinen Kühne will, muss sich damit abfinden.

Weiter nach vorn

Man sollte nie vergessen. Vergessen woher man kommt, wohin man glaubt zu gehen. Wir glaubten jemand zu sein, der Wir schon lange nicht mehr waren. Nach vorne schauend, rückwärtsfahrend ins Nirgendwo. Als der dicke Mann ging, kam er dort an, wo er in seinen Träumen schon häufig war. Zu oft träumte er. Versuchte zu kitten was längst neuen Stein und Mörtel gebraucht hätte. Das bestellte Feld, ein verseuchter Acker. Kein sicheres Ufer, sondern reißender Abgrund. Mehr Schutt als ein Mann hätte tragen können. Und doch machte sich einer auf, dies zu versuchen.

Der kleine Schritt. Immer wieder ein kleiner Schritt. Heute nicht viel weiter als vorgestern. Meilenweit entfernt von dem eigenen, heimlichen Ich. Der Gegenspieler des rotbäckigen Ganoven spielt schon lange keine Hauptrollen mehr. Wollte zu lange mehr sein, als er zu jener Zeit hätte sein können. Verlor die Übersicht, den Blick für das was kam. Für die kommenden. Die Generationen die an uns vorbeizogen. Akpala. Avidc. Nicht Selke oder Lorenzen. Werder wollte lange nicht das sein, was man hätte werden müssen. Das, was man heute ist. Ein Verein mit Zukunft. Einer eigenen Zukunft.

Im Westen nichts Neues. Verloren haben Wir ihn. Den Hoffnungsträger. Gute-Laune-Garant in düstersten Stunden. Seine Zukunft ist königsblau. Seine Lippenbekenntnisse am Ende nicht mehr, als ein lebloses Stück PDF. Gesteuert von einem Mann im Anzug, der wie viele andere, tief in Goldgräberstimmung versunken, jeden machbaren Transfer eintütet. Das System ist kaputt. Nur nicht erst seit heute.

Für Werder ist es Kampf. Wird es immer so bleiben. Eichin kämpft. Er ist nicht links der Weser geboren, wird nie das Stadtwappen im Herzen tragen. Ihm sind die Helden von gestern egal. Und was nützen Uns die Koryphäen vergangener Epochen im Hier und Jetzt? Ausgelatschte Ratschläge aus einer anderen Zeit. Werder verfolgt wieder ein klares Ziel. Schafft Werte, erfindet sich neu. Nie war die U-23 so nah an den Profis. Nie haben so viele Nachwuchsspieler Chancen auf den 18er Kader einer Bremer Bundesligamannschaft gehabt.

Und doch werden auch sie irgendeines Tages diesen, Unseren Verein wieder verlassen. Es werden neue kommen, diese Lücke füllen und ihren Traum vom Fußball leben. Am Ende bleibt der Verein. Das Wappen auf dem Trikot. Und Wir. Die Fans dahinter. Deswegen brauchen Wir Eichin. Er geht die Wege, die weh tun. Er ist unbequem, wenn es gerade anfängt gemütlich zu werden. Er ist die Hummel im Hintern, die Uns nicht sitzen lässt. Ohne ihn wären Wir nicht die, die Wir jetzt sind. Würden Wir immer noch versuchen, die zu sein, die Wir einst waren. Würde der Verein in einem Bad aus Nostalgie ertrinken. Es ist Zeit weiter nach vorne zu schauen. Und dabei Kann Eichin Uns noch ein ganzen Stück weit helfen.

Zurück im Grau

Sie ist wieder da: die Krise. Aus der Tabelle nicht zu entschlüsseln, in der Luft, die das Team umgibt, aber mit jedem Atemzug eindeutig wahrzunehmen. Werder schließt in Richtung Saisonfinale den Kreis, setzt nach geglückter Kreuzfahrt wieder im altbekannten Brackwasser Anker. All das Hoffen auf die ewige Verbannung in die Archive des Vereinsmuseum scheint vergebens gewesen zu sein. Mutlos. Ratlos. Lustlos. Herbst im Frühjahr.

Druck. Wir brauchen Druck. Und das immer wieder. Als Skripnik kam, war der Druck so groß wie selten zuvor. Das beflügelte, brachte das Team nach vorne. Man spielte und lebte Fußball. Aus Niederlagen wurden Siege, aus fader Schonkost Candlelightdiner. Niemand für sich, alle zusammen. Wenn dann, wie gegen Gladbach, einmal der Faden riss, sprach die Mannschaft die Dinge deutlich an und setzte die Woche darauf auf dem Rasen um, was notwendig war. Eine intensive Zeit in der jeder Punkt, wenn nötig, an den Haaren herbei gezogen wurde.

Seit einiger Zeit ist dieser Druck weg. Die Angst vor der Konsequenz. Das Vermeiden eines negativen Umstandes: der Abstieg. Im Hier und Jetzt ist diese Bedrohung kaum noch real. Natürlich geht der Blick immer noch nach unten, aber niemand wird jetzt seriös einen Abstiegskampf ausrufen können, ohne dabei um seine Berufserlaubnis bangen zu müssen.

Aktuell geht es nicht mehr um die Existenz. Vielleicht aber geht es schon fast um mehr. Die Zukunft und das, was möglich ist im Kampf mit Auto- und Brauseherstellern. Die Mannschaft hat ihre Lage selbstständig gedreht. Besitzt nun die Chance auf Erfolg. Sichtbar in Form von Tabellenplätzen und Startgebühren. Für jeden Leistungssportler geht es einzig allein um den Erflog. Mental immer bereit für das Unmögliche einzustehen. Ein Hundertmeterläufer geht nicht mit der Zielsetzung an den Start, den letzten Platz zu vermeiden, sondern so viele Konkurrenten wie irgend möglich hinter sich zu lassen. Er sieht die Chance, lässt sich von der Perspektive beflügeln. Ohne große Worte.

Werder scheint eine solche Situation nicht zu liegen. Zumindest nicht mit dem aktuellen Kader. Dieser scheint nur dann zu funktionieren, wenn es enger nicht sein könnte. Wenn Existenzen auf dem Spiel stehen. Getreu der Schulzeit: Hausaufgaben? Pah! Mache ich im Bus. Doch für Leistungssport, für Bundesliga, reicht das nicht. Die Borussia aus Gladbach gewinnt ihre Spiele, weil sie Dreck und Kilometer fressen. Ganz ohne negativen Druck im Nacken. Sie tun das, weil sie die Chance sehen und dafür alles investieren. Uns Bremern scheint eine solche Situation zu überfordern und nicht wertvoll genug zu sein, alles in die Waagschale zu werfen.

Zwei Schwache Auftritte gegen Köln und Mainz. Jetzt die Schmach vor der Cannstatter Kurve. Ich halte nichts von Kuschelkurs, von Floskel wie „nicht vergessen wo wir herkommen“ oder „die dürfen sich auch mal eine Auszeit nehmen“. Man sollte eine Talfahrt am Besten immer dann stoppen, wenn sie noch nicht komplett im Rollen ist.

Man mag über die Art und Weise wie der wutentbrannte Eichin diese Maßnahme einleitet, diskutieren können. Ich stelle mich aber komplett hinter ihn und Victor Skripnik, wenn es darum geht, dieser Mannschaft knallhart zu signalisieren, dass diese Art und Weise nicht angemessen ist. Weder für den Verein Werder Bremen, noch für die zahlreichen Fans die hunderte Kilometer fressen, um in der Kure zu stehen.

Heute zählen keine Träumereien oder enttäuschte Interviews. Heute, mit dem Blick auf Morgen gerichtet, zählt der volle Fokus auf das Derby. Nicht um dem HSV wehzutun, sondern dem SVW wieder das Leben einzuhauchen, was ihn zeitweise zum heißesten Team der Liga gemacht hat. Mit der Leidenschaft kommt die Leichtigkeit, kommt die Kraft den letzten Meter schneller zu sein. Ein emotionaler Heimsieg, dem 500. in der Vereinsgeschichte, wird den Segeln neuen Wind zum Fliegen geben. Und das ausgerechnet gegen den Rivalen aus dem Norden. Bis dahin: Burst raus, nicht Nase hoch!

Für den Moment

Der Funke. Ein Signal. Hoffnung. Für vieles. Für uns. Auf das was morgen kommt wieder besser ist, als das was uns gestern die Hoffnung raubte, heute noch Zweifel säht.

Es bringt eine Form von Sicherheit in die Köpfe einer ratlosen Schar aus wild feiernden Leuten. Menschen, die aus Hilflosigkeit eine Tugend machten. Die, anstatt gesenkten Hauptes Hassgesänge und Feuerzeuge über Zäune zu schmeißen, ihrer Mannschaft Aufmunterung und Liebesbekundungen entgegen brachte. Die schlechte Zeit hat uns befreit von der Last des Erfolges, von den Verfehlungen der Vergangenheit. Auf den Platz und auf den Rängen stehen wieder Leute, die sich mit dem identifizieren, was wir sind. Wer wir sind und auch schon immer waren. Wir haben uns gesund gesungen, diejenigen nach Hause geschickt, die nur der Prestige wegen kamen.

Und das ist gut so. Sollen sie doch Championsleague in Dortmund oder Gelsenkirchen gucken. Im Ruhrgebiet, wo russische Gasriesen, Sportartikelhersteller und Energiekonzerne gerne Geld anlegen, beginnt eine andere Welt. Eine, in der wir nie mithalten werden können, in der wir uns im Krampf nach Europa kaputt machen und verlieren würden. Auf lange Sicht werden wir Hilfe brauchen. Wird jeder Hilfe brauchen, der nicht dauerhaft im Abstiegssog feststecken will. Es wird Geduld von Nöten sein, denn nichts ist schlimmer als aus einer selbst erschaffenen Not heraus, dem nächstbesten Geldgeber die Hand reichen zu müssen, nur um dann festzustellen, dass dieser Mensch nicht zu kontrollieren ist.

Und Werder geht seinen eigenen Weg. Bleibt stur und starr verharrend. Als alternativlos wird er beschrieben und sicheren Schrittes abgelaufen. Das macht einige Leute wütend. Es werden Köpfe gefordert und nach größerem Risikobedürfnis geunkt. Nach Millionentransfers. Transfers, die uns überhaupt erst in diese Lage gebracht haben. Ein Ruiz soll der Heilsbringer sein, soll unbedingt, koste was es wolle, geholt werden. Doch wer weiß ob dieser Spieler funktioniert? Ist ein Transfer, durch den Hoffnung auf besseren Fußball bestehen mag, das Risiko eines finanziellen Kollaps Wert?

Ich sage nein. Sehe die neuen Spieler, die gekommen sind. Sehe Torschützen Galvez, Finn Bartels, der ein super Spiel gemacht hat. Sehe einen technisch durchaus versierten Hajrovic, die jungen Selke und Aycicek. Staune über einen brutal starken Di Santo, der vor nicht all zu langer Zeit wegen seiner Sperre und folgenden Verletzung als Komplettausfall gehandelt wurde. Wer genau hinsieht, bemerkt viele kleine Dinge, die besser laufen oder zumindest nach den ersten Wochen den Anschein machen als ginge es bergauf. Diese unbändige Mentalität, ein Jungbrunnen ewiger Motivation. Und wie Bartels gegen Hoffenheim, so hat jeder einzelne in Halbzeit zwei gezeigt was gehen kann, wenn Selbstvertrauen und Leidenschaft gemeinsam da sind. Seit einer gefühlten Ewigkeit hat die Mannschaft die Fans mit ins Boot geholt, nicht anders herum. Hat die Mannschaft mit gutem Fußball für ernstzunehmende Hoffnung in den Kehlen der grünweißen Glücksritter gesorgt. Und das ohne Ruiz, ohne die vermeintlich großen Transfers.

Ich lebe und schreibe im Moment. Und jetzt gerade beschreiten wir einen Weg, auf dem wir alleine sind. Zwar gibt es Mannschaften mit ähnlich kleinem Etat, doch stehen sie auf dem anderen Ufer eines reißenden Flusses. Wir müssen uns verkleinern, hatten einst einen Kader fürs internationale Geschäft, während der Rest ehemals zweitklassig war. Wir treffen uns an einem Status Quo, an dem wir mit dem Aufzug nach unten fahren, die Konkurrenz sich aber nach oben orientiert. Deshalb diese Geldpolitik und deshalb die Bremse. Und genau deshalb ist es wichtig auf dem letzten Stück nicht die Geduld zu verlieren, fokussiert zu bleiben und das fortzusetzen, was wir uns auferlegt haben. Wofür wir als Fans stehen, als Verein. Weil wir ehrlich sind, ehrlich lieben und daran glauben, dass man damit weiterkommt. Mit gutem Gewissen zurück Richtung Sicherheit. Und diesen Moment müssen wir genießen. Ihm Zeit geben in uns allen aufzugehen.

In vier Wochen mag alles anders sein, mag der Moment anders für sich sprechen. Doch bis dahin steht dieser starke Auftritt in Halbzeit zwei für das letzte an was ich mich erinnere. Für das was ich nach Leverkusen mitnehme. Und mehr erst einmal nicht. Keine blinde Hoffnung oder naive Jugendlichkeit. Es ist wie es ist und es bleibt wie es war. Ich kann die Zukunft nicht erahnen. Was ich aber kann ist es im Hier und Jetzt mit positivem Wort voran zu gehen, den Lauf der Dinge, die Stimmung mit der wir in die Spiele gehen, ein wenig zu beeinflussen. Damit wir so bleiben wie wir jetzt sind. Vollen Mutes den Moment lebend.
Lebenslang grün-weiß

Lang lebe der Kapitän

Es war schon immer der Wind. Die Kraft, mit der sich die Luftmassen über den Ozean bewegten, beeindruckten ihn bereits als kleines Kind. Es war nie einfach gewesen, vorherzusehen woher er wehte und wie lange er blieb. Unsichtbar und doch so mächtig. Jedes Jahr starben dutzende Männer in den turmhohen Wellen. Angetrieben durch die unbändigen Winde, welche sich in der unendlichen blauen Weite zusammenbrauten. Angst und Schrecken in jedem Frühjahr und Herbst, wenn verwitwete Frauen zu den Gräbern ihrer verschollenen Ehegatten pilgerten, um den Jahrestag ihres Verschwindens zu ehren.

Kapitän Fritz erinnert sich in seinen Träumen an diese qualvollen Momente, die trostsuchenden Gesichter und erdrückende Stille, die erst Wochen später verflog. Genau diese Wochen der Gelähmtheit hatten den Kapitän zu dem gemacht, was er war. Haben in ihm den Wunsch hochkochen lassen, eines Tages genau auf diesen schier unbezwingbaren Ozean zu reisen. Um in seiner Mitte, wo die Kraft und zerstörerische Wut am größten ist, den Winddämon zu besiegen und den nächsten Generationen das Leid, was ihm und all seinen Freunden angetan wurde, für immer zu verbannen.

Einfach war es nie. Aber gekämpft hat er immer. Immer gewillt an die Grenze und darüber hinwegzugehen, zu verteidigen, Flankenläufe zu starten und manchmal auch auf der Sechs seiner Crew zu helfen. Sogar vor der linken Abwehrseite schreckte er nicht zurück. Immer bereit, Großes zu tun, groß zu sein. Viele Schlachten hatte er so für sein Team gewinnen können. Hat mit den Besten seiner Zunft dem Feind gegenübergestanden. Eine Zeit lang spielte er für das Land seiner Väter. Es ging lange bergauf, immer dem Ziel folgend, den großen Sturm zu besiegen.

Jedes Mal, wenn der Kapitän von seinen Reisen rund um den eurasischen Kontinent in seinen Heimathafen einlief, den DFB Pokal in die Höhe streckte und sich feiern ließ, vergaß er niemals warum er das tat. Er hatte sich vom Erfolg nicht den Kopf verdrehen lassen. War immer auf dem Boden geblieben, war auch in schwierigen Zeiten für seine Besatzung da. Es kam vor, dass er seine Ration Zwieback an die jungen und schwachen im Team verteilte, nur um als Gemeinschaft weiter voranzukommen. Als edel und gerecht würde er sich selbst nie bezeichnen. Er wollte nie Übervater oder Gutmensch sein. Er war da, wenn sein Team ihn brauchte. Das war die Aufgabe, sein Versprechen. Auf sein Wort ist Verlass. Das ist das, was er tut. Er hält seine Versprechen. Immer den Kopf hoch, das Gesicht im Wind. Wahre Worte auf der Zunge.

Wenn er heute seine Kajüte verlässt und den Sonnenaufgang an der Reling genießt, merkt er wie es zwickt. Er merkt, wie es ihm immer schwerer fällt seine Ziele zu verfolgen, ist immer mehr auf die Hilfe der anderen angewiesen. Er begeht immer mehr die gleichen, einfachen Fehler. Seine Nachfolger stehen schon bereit. Tätowiert, muskelbepackt und schnell wie die Sünde. Zum ersten Mal seit dieser trauerbehangenen Frühjahrsmärsche verspürt er so etwas wie Angst, die sich auf seine Schultern niederlegt. Es scheint, als habe der große Sturm den Kampf für sich entschieden. Als wolle er ihm das mit diesem bedrückendem Gefühl zeigen.

Zu viel ist kaputt gegangen, zu viel musste geflickt werden Zu oft zu nah am kentern. Seine Crew überfordert. Nicht mehr die Qualität vergangener Tage. Wie oft ist der Mast schon gerochen, wie oft in letzter Sekunde und höchster Not wieder geflickt worden. Wie viel Eimer Wasser mussten sie aus dem Bug befördern. Und das nächtelang. Es lag nie an ihm allein, seiner Route oder fehlendem Gespür für die Gefahr. Kollektives Versagen im Alltag. Immer nur kurz vor dem Kollaps konnten sich alle auf des Wesentliche besinnen. Nicht alles war schlecht, nur zu wenig gut.

Es ist an der Zeit. Nicht um abzutreten, das Schiff zu verlassen und in der Südsee ein versoffenes Ruhestandsleben zu beginnen. Es ist Zeit, dass er Verantwortung abgibt, öfter Mal daneben steht und anleitet, anstatt mittendrin überfordert den jungen Leuten die verdiente Bühne zu nehmen. Doch es braucht Zeit, braucht Einsicht. Die Gewissheit auch Abseits des Feldes wichtig zu sein. Als Kapitän voranzugehen, seine Crew von dort aus zu beschützen. Einen Perspektivwechsel vorzunehmen. Zu lernen seinen Einfluss zu behalten, auch wenn er ihn gefühlt ein Stück verliert. Die Leute werden dankbar sein. Werden ihn feiern wie damals, mit dem Pokal in seinen Händen. Lang lebe der Kapitän.

Dinge kommen. Dinge gehen. Werder steht.

Da wo Wir uns vor der Saison gesehen haben. Wo Wir am Ende der Saison. Es war nicht alles schlecht. Nur zu wenig gut. Genau an dieser Stelle hatte eigentlich im Sommer 2013 die Reise begonnen. Gefühlt stehen Wir nun, ein Jahr später, immer noch im selben Hafen und warten auf die Ausreisegenehmigung. Der gleiche Frust, die gleiche marode Abwehr, das gleiche pflegebedürftige Aufbauspiel. Aber Wir haben es geschafft. Waren im Abstiegskampf immer mittendrin, aber nie akut dabei. Wir als Fans haben den Verein getragen, ihm verziehen, wieder aufgebaut, Mut gemacht, die Schnürsenkel entwirrt und neu geknotet. All das einfach so. Aus reiner Nächstenliebe. Für den Verein, dessen Wappen Ihr auf der Brust tragt.

Ihr habt scheiße gespielt. Blutleer gegen die Wand. Wir waren da. Und Ihr habt zurückgezahlt. Mit Einsatz und Wille, immer dann wenn es wirklich drauf ankam. Doch die Rechnung ist noch nicht beglichen. Ihr steht in unserer Schuld. Wir sind mit Vertrauen und unabdingbarer Unterstützung in Vorleistung gegangen. Würden es immer wieder tun. Nun liegt es an Euch in der neuen Saison Stabilität zu zeigen. Den Verein ungefährdet Richtung Klassenerhalt zu manövrieren. Doch kann es überhaupt gelingen?

Werder war 2014 beivielen gesetzter Abstiegskandidat. Noch hinter dem HSV. Jetzt, ein Jahr später, kann man nicht wirklich sagen die Experten hätten unrecht gehabt. Werder ist alles andere als souverän durch die Saison geglitten. Es war mehr strauchelnd, taumelnd und unsicher. Jedoch immer mit dem nötigen Maß an Courage im richtigen Moment wieder in die Spur zu finden. Ein weiteres Jahr in dieser Art und Weise kann aber gefährlich werden.

Denn auch wenn Paderborn mit hoher Wahrscheinlichkeit ganz hinten landen wird, Augsburg die gewachsenen Erwartungen befriedigen und Berlin den Abwärtstrend der Rückrunde stoppen muss, so bleibt Bremen, ohne Wirtschaftsflüchtling Hunt, ein Wackelkandidat. Entwicklung nach unten und oben offen, wie die Frage nach Verstärkung, die gerade im Offensivbereich bitter nötig wäre. Bei Finn Bartels wird es interessant werden zu beobachten, wie er sich an das deutsche Oberhaus anpassen kann. Auch Galvez, ablösefreier Neuzugang vom Madrider Vorstadtklub Rayo Vallecano, wird beweisen müssen, dass er im Duell mit Prödl, Caldirola und Lukimya eine Abwehr stabilisieren kann und nicht nur durch das Sammeln von gelber Recyclingware auffällt. Rückkehrer Füllkrug muss nach durchwachsener Zweitligasaison bei Fast-Aufsteiger Fürth erst einmal seine Qualität und etwaige Lernfortschritte aufzeigen. Ein Ausleihgeschäft ist für ihn, zumindest nach Eichins Aussagen im Mai, nicht angedacht. Vieles deutet auf einen Verkauf hin, sollte er in der Vorbereitung nicht überraschen können.

Und genau diese Vorbereitung wird extrem wichtig für Werder. Während man in Hamburg oder Stuttgart im Sommer groß investieren kann, muss Bremen wieder behutsam auf Schnäppchensuche gehen. So muss eben diese Vorbereitung das Team der letzten Saison einen großen Schritt weiter nach vorne bringen. Und im Gegensatz zu starken Neuverpflichtungen, klingt dieses Vorhaben nicht allzu unrealistisch. Spieler wie Caldirola, Garcia, Di Santo und Obraniak haben ihre erste Bundesliga Saison in den Knochen. Gerade Obraniak, der erst im Winter zum Team stieß, war es anzumerken, dass er noch große Probleme mit dem zu spielendem Tempo hat. Auch Di Santo hat sich erst im Verlauf der Saison so richtig zeigen können, war dann in den letzten Spielen der Saison fast immer spielentscheidend oder konnte positive Zeichen setzen. Beide haben keine komplette Sommervorbereitung mit dem Team absolviert. Ob es nützt und ob hier der Schlüssel zur Leistungsexplosion liegt, bleibt unvorhersehbar wie vieles andere. Nur klar ist: Schaden wird ihnen diese Zeit sicher nicht.

Ex U-21 Kapitän Luca Caldirola hat von allen Bremer Spielern die meisten Minuten gemacht. Und das als Liganeuling. Diese vielen Spiele, kombiniert mit seinem jungen Alter, machen Hoffnung, dass er einen nächsten Schritt machen kann. Garcia wird dieses Kunststück auch gelingen, wenn er weiterhin so diszipliniert auftritt wie in den letzten Spielen der Saison. Bei Cedrick Makiadi bleibt zu hoffen, dass er seine abschließende Form konserviert und diese als Basis in die neue Saison nimmt. Philip Bargfrede konnte nach langer Verletzungsphase unterm Strich überzeugen und stabilisiert sich hoffentlich wieder auf dem Niveau, was Klaus Allofs damals veranlasste in ihm den nächsten Bremer Nationalspieler zu sehen. Und in Sachen Zukunft wird sich auch einiges tun müssen. Die Nachwuchsspieler müssen weiter ins Team integriert werden, sollten so langsam Verantwortung übernehmen dürfen. Kobylanski, Selke oder Aycicek haben erste Minuten und Startelfeinsätze gesammelt. Ihnen muss jetzt auf die nächste Stufe geholfen werden, damit der Verein in Breite und für die Zukunft gut aufgestellt ist. Auch von Hacke und Luca Zander sollten diese Chance erhalten. Sie alle sind Vize-Meister in der Regionalliga geworden. Das alleine ist zwar keine Medaille wert, belegt aber, dass ein gewisses Maß an Qualität vorhanden sein muss.

Eine der brisantesten Fragen, die gerade außerhalb Bremens hohe Wellen schlägt, ist die, wie das Team den Abgang von Aaron Hunt verkraften wird. Um es mit Thomas Schaafs Worten zu sagen: Die einen sagen so, die anderen so. Und genauso verhält es sich auch. Hunt war nie ein Spieler, der neunzig Minuten prägen und erfolgreich gestalten konnte. Auf zehn gute Pässe oder Dribblings, folgt ein verschlafenes Abspiel oder eine zu gewagte Einzelaktion. Ein schlampiges Genie. Treffendere Worte wird es kaum geben. Seine individuelle Qualität kann man ihm nicht absprechen, sein dicker Gehaltscheck wäre für Werder aber eine große Belastung gewesen, die er unter Umständen nicht hätte gerecht werden können. Eine Trennung, die für beide Seiten eine Chance bedeutet. Darüber hinaus wird er für immer einer von uns bleiben, nur im falschen Shirt. Er war nicht der erste, und nicht der letzte, der uns verlässt. Dieses Schicksal ist an Bremen gebunden und gehört dazu wie die Weser, die ihren schönsten Bogen dort macht, wo aktuell vieles in Bewegung ist. Zum Guten oder zum Schlechten, was wirklich dabei herauskommt ist schlussendlich nicht zu sagen. Wir Fans werden die kommende Saison wieder zu unserer machen. Komme was (wer) wolle.

Alte Liebe rostet selten

Gleich geht die Sonne auf. Am Horizont kann man es schon deutlich erahnen. „Mensch zieh doch nicht so Hasso“, spricht Thomas brüllend mit behutsamer Stimme in Richtung Boden. Gerade in der Frühe war der Dackelmischling besonders aktiv. Da wurde jeder Grashalm genauestens untersucht und jeder Strauch in die feuchte Manndeckung genommen. Diese morgendlichen Spaziergänge barfuß die Wiese hinauf, der Sonne entgegen Richtung altem Flussbett, waren für ihn zu einem unverzichtbaren Ritual geworden. Hier waren die beiden ganz alleine. Einfach glücklich. Froh, keine Fragen beantworten zu müssen, immer aufs neue Geduld zu bewahren. Hier war es wie in einer riesig großen Seifenblase. So wunderbar natürlich, dass es schon fast wieder künstlich wirkte. Wie in einem Traum, aus dem er am liebsten nicht mehr aufwachen würde. 

 

So langsam schießen die ersten warmen Sonnenstrahlen über den Hügel und erleuchten sein braun gebranntes Gesicht. Eine warme Spätsommerbrise bringt sein schulterlanges Resthaar in Wallung. Sein Spiegelbild war ihm fremd geworden in letzter Zeit. Sah er doch so entspannt, so zufrieden aus. Jahrelang schlich er wie ein grauer Schatten seiner selbst am Leben vorbei. Traute sich schon nicht mal mehr auch nur kurz in einen Spiegel zu schauen. Seine Frau hat das immer wieder zur Sprache gebracht, aber hören wollte er es nie. Jetzt, Monate später, kann er verstehen was sie meinte. Warum sie so besorgt war. Er geht wieder aufrechter. Die Rückenschmerzen sind weg, das Kniegelenk verrichtet seinen Dienst wieder wie bei Werksauslieferung und auch das Sodbrennen ist passé. Kein unangenehmer Zustand. 

 

Am Bach verbrachte er je nach Wetter manchmal bis zu zwei Stunden. Von hier konnte man das wunderbar beschauliche Wohngebiet, in dem sie jetzt schon so lange leben, ganz gut überblicken. Auch hier war es mittlerweile ruhig geworden. Nicht dass er jemals von Journalisten belagert wurde, aber es scheint nunmehr einfach nur noch wie eine stinknormale Wohngegend. Herrlich. Natürlich dachte er während seiner Spaziergänge immer wieder an damals. An all‘ die schönen Dinge, die er erleben durfte. Diese Zeit mochte er nicht missen, wird sie immer ganz nah am Herzen tragen. 

 

Doch manchmal weicht das Grinsen aus seinem Gesicht, verliert sich in der unbekümmerten Natur um ihn herum. Die letzten Jahre waren hart, haben mehr Kraft gekostet als er tanken konnte. Er hat Fehler gemacht. Wurde aber auch immer wieder enttäuscht und betrogen. Die Leute, die ihn jahrelang gegen seinen Willen zum Helden machten, wollten nun seinen Untergang sehen. Es war, als warteten sie nur darauf, dass er geht. Endlich. Die Medienarbeit hat ihn viel Kraft und Überwindung gekostet.

 

Zurück zu Hause wird gefrühstückt und sich dann wie jeden Dienstag um den Vorgarten gekümmert. Wie könnte man seinen Wandel in den vergangenen Monaten besser beschreiben, als mit seiner plötzlich aufkommenden Lust an Gartenarbeit und Baumarktbesuchen. Sein Geist blühte auf wie die Blumen, die er pflanzte, seine Unzufriedenheit wich ebenso wie die Waschbetonplatten hinauf zu seiner Haustür. Er hat sich nicht neu erfunden. Er hat sich gefunden. In Badeshorts vor Rosensträuchern kniend, Sonntags vor dem Backofen in froher Erwartung auf seine neueste Kuchenkreation. Nie hätte er sich hier vermutet, nie wäre er ins Reisebüro stolziert und hätte all dies gebucht und für voll genommen. Er hatte die alten Seile kappen müssen und ist in der Südsee gestrandet. Ach, du schöne neue Welt.

 

Der Wind hatte plötzlich gedreht. Es wurde auf einmal ganz kühl und unbequem. Fragend blickt er sich um, schaut in den Himmel und versucht dunkle Wolken ausfindig zu machen. Nichts. Gerade in dem Moment, als er sich wieder den Hortensien widmen will, hört er  ein Auto in die kleine Seitenstraße, in der sein Haus stand, einbiegen, beschleunigen und mit einer Vollbremsung in der frisch gepflasterten Einfahrt zum stehen kommen. Früher hätte ihn so etwas fuchsteufelswild gemacht. Jetzt gerade überlegt er welche Teemischung er seinen Gästen wohl am besten anbieten sollte. Alles nicht so einfach als Gutmensch. Aber da muss er jetzt durch. Allerdings wird er skeptisch und hält inne, als er das Nummernschild sieht. WOB – KA – 007. Hatte er einen neuen VW bestellt, der ihm nun per Express zugestellt wurde? Eigentlich nicht. Nun öffnet sich die panzerartig schwer wirkende Fahrertür. Italienische Designer-Schuhe erblicken das Licht der Welt und setzen an, erstmalig den Boden zu berühren und nach Halt zu suchen. Doch Thomas gefällt nicht was, beziehungsweise wen er da sieht. 

 

Es ist Klaus. Der dicke Klaus. Früher war er mit Schnäuzer und Waschbrettbauch um die Häuser gezogen. Jetzt war er wohl froh, wenn die Hemdknöpfe den Abend überlebten. Nervös blickt Thomas in den Wagen, um zu erkennen, ob noch jemand mitgekommen ist. Und tatsächlich: sein Neuer. Wie der aussah. Widerlich. Manche werden sicher meinen ‚Niveaulos‘. Wie tief war Klaus gestürzt, um sich mit so jemanden abzugeben. Und die Gesichtsfarbe erst. Den musste er wohl bei den anonymen Alkoholikern abgegriffen haben. Seine Augenbrauen sahen aus wie sein ehemals verwahrloster Vorgarten. Und dieser Trainingsanzug. Der war mindestens eine Nummer zu groß. Und diese Farben. „Ganz Ruhig“, flüstert er in sich hinein. Kein Grund eifersüchtig zu werden.

 

Klaus mustert ihn ganz genau von oben bis unten und wieder zurück. „Mensch wie siehst du denn aus? Kaum bist du arbeitslos, schon siehst du aus wie…also naja, ich weiß ja nicht. Wie so ein Arbeitsloser halt.“. Klaus muss sich vor lauter Lachen die Wampe festhalten. Sein Blick geht rüber ins Auto, wo Dieter saß und eifrig dabei war, einen Schokoladenfleck aus dem Trainingsanzug zu kratzen. Merklich enttäuscht, dass sein famoser Witz irgendwie verpufft war, geht er in die zweite Runde. „Ich wollt mal sehen was du so treibst. Ist ja nicht besonders viel. Ich hab Personal für dieses Grünzeugs da. Reine Zeitverschwendung. So ein wenig wie der Besuch hier. Dieter und ich sind ja nur auf der Durchreise. Champions League ist das Stichwort. Gucken uns schon einmal die großen Metropolen Europas an. Vielleicht nehmen wir noch ein paar Souvenirs mit.“ Klaus fuchtelt mit einer schwarzen Kreditkarte herum und zählt ein paar Spielernahmen auf. 

 

Doch als ob das Schicksal nun versucht ins Geschehen einzugreifen, lässt Klaus die Karte in seiner wilden Fuchtelei los und so fliegt sie im hohen Bogen über die Hecke aufs Nachbargrundstück. Plötzlich ein Schrei und ein dumpfes, 68 Kilogramm schweres Plumpsgeräusch. Dann ein Gewimmer und Geschluchze. Nachbarin Gisela, die zufällig die Unterhaltung belauscht und deswegen auf die Leiter, die ihr Mann vom Hecke stutzen dort stehen gelassen hatte, geklettert war, ist nun vor Schreck von selbiger gestürzt. Klaus guckt Thomas an, der ihn direkt zurück anguckt. Schließlich gucken sie sich beide an und ohne auch nur ein Wort gesprochen zu haben, wissen sie was zu tun. Thomas schlängelt sich durch die Hecke hindurch auf die andere Seite. Klaus rennt zu seinem Wagen, öffnet den Kofferraum und holt den Erste-Hilfe Kasten aus dem Seitenfach. Auch er versucht sich durch die Hecke zu zwängen, allerdings ohne Erfolg. Völlig außer Atem nimmt er den Umweg außen herum. 

 

Nun klappt wieder alles wie früher. Jeder Handgriff sitzt. Wie aus dem Lehrbuch geht ein Arbeitsschritt in den nächsten über. Thomas säubert die Wunde am Ellenbogen, Klaus bereitet den Verband vor. Thomas bringt den Arm in die ideale Position, Klaus wickelt den Verband leicht nervös, aber zielsicher um den Unfallschaden. Es war wie früher. Wie ´99 , als sie zum ersten Mal gemeinsam den Pokal in den Berliner Abendhimmel hieven durften. Ein leichtes Gefühl. Fliegend auf Teppichen bis hin zum Double, einer Feier, die bis dahin und danach absolut höchste Eskalationsstufe darstellt. Tätowiernadeln und Prostituierte hatten sie sich geteilt, hatten aus dem komisch aussehenden Brasilianer einen Wurst- und Kaffeeverkäufer und Torschützendschungelkönig gemacht. Sie haben keine Stars gekauft, sondern gemacht und als sie genau dieses Prinzip versuchten umzudrehen, sind sie abgestürzt. Es war nicht alles schön. Aber zu schön um es zu vergessen, um sich jetzt mit Hass zu begegnen. Dafür ist das Leben zu kurz, die gemeinsamen Erinnerung und Zeiten zu wertvoll. „Was ein emotionaler Käse“, schluchzt Thomas in sich hinein und richtet sich das Haar während Klaus einen Krankenwagen ruft. Schließlich war Gisela schon etwas älter und da weiß man nie, ob die Hüfte nicht doch in Mitleidenschaft gezogen worden ist. 

 

Nachdem die Rettungssanitätar Gisela artgerecht fixiert und abtransportiert hatten, blieben Klaus und Thomas winkend auf dem Gehweg stehen. Sie schauen sich noch einmal tief in die Augen und reichen sich die Hand. Wieder ohne ein Wort zu verlieren, geht jeder seinen Weg. Thomas nimmt sich seine Schere, Klaus setzt sich wieder in seinen VW. Dort hatte Dieter in der Zwischenzeit aus Langeweile Löcher mit dem Zigarettenanzünder in die Ledergarnitur gebrannt. „Was ein Biest“, seufzt Klaus leise als er den Wagen startet. Er schaut noch kurz in den Rückspiegel und winkt ein letztes Mal dezent und wehmütig in Richtung Thomas. Dann blickt er gefrustet zu seiner Rechten und ist sich bewusst wie noch nie, dass das mit Dieter nie so sein wird, wie mit Thomas. 

Meine Durchhalteparole

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Im Fußball ist alles möglich. Ein Spiel hat 90 Minuten. Ich hole sie noch einmal alle raus. Es nervt. Es tut weh. Aber so ist das Geschäft. Wenn neun Mannschaften am Ende des Spieltags gewonnen haben, gibt es eben auch immer acht Verlierer. Und Werder.

Die Situation um Werder ist kritisch. Sehr sogar. Die Verzweiflung kocht in uns auf. Die Konkurrenz im Keller punktet, kommt langsam in Fahrt. Die Luft zum Atmen wird dünner. Unsere Formkurve zeigt nach unten. Ein Punkt aus drei Spielen. 1:8 Tore. Die Bilanz eines Absteigers.

Die Automatismen greifen. Alles was einen PC oder Smartphone bedienen kann, hackt wie wild Lösungsansätze ins www. Blogger und Twitter User werden zu Beratern und Insidern. Die Lösung des grün weißen Problems heißen schließlich völlig offensichtlich Skripnik und Slomka. Noch Fragen?

Er trägt die Verantwortung. Wir haben mit all dem in letzter Konsequenz nichts zu tun.

Dass der Trainer bei einigen Fans zur Diskussion steht, ist völlig normal. Seine Leistung ist nach aktueller Ergebnislage miserabel. Am Ende stehen einzig die Statistiken in einem Sport, wo wie überall nur das Ergebnis zählt. Und ja. Mann muss Sachen hinterfragen, sie kritisch durchleuchtet. Und nein. Man muss nicht alles still und leise über sich ergehen lassen. Nur über eines sollte man sich im klaren sein. Ein Robin Dutt stellt sich die selben Fragen wie wir. Nur mit einem Unterschied. Er trägt die Verantwortung. Wir haben mit all dem in letzter Konsequenz nichts zu tun. Können jederzeit den Fernseher ausmachen oder aus dem Stadion fliehen. Sollte nicht vergessen werden.

Wir zahlen Geld für Tickets, Trikots und Benzin. Wir opfern unsere Freizeit und bestimmen den Wochenrhythmus für den Verein der Wahl. Doch wer weiß wirklich bescheid? Wer kennt das Geschäft aus eigener Erfahrung? Fußball, so einfach das Spiel auch sein mag, ist viel komplexer. Offenbart viel mehr Ebenen als nur das reine Ballspiel. Ein offensichtliches Problem, meist nur die Spitze des Eisberges. Nicht viel anders ist es in Bremen.

Es ist das Spiel MIT dem Ball, was uns immer wieder den Genickbruch bringt. 

Werder ist ein fragiles Konstrukt. Fast schon Schizophren. Fünf Spielen zu null stehen über vierzig Gegentore gegenüber. Die Mannschaft kann es manchmal. Zu oft dann wieder nicht. Es fehlt die oft zitierte Balance. Und dieses Gleichgewicht gerät zu leicht aus den Fugen. Wie zum Beispiel beim Auftritt auf Schalke. Man geht völlig verdient mit 1:0 in die Halbzeitpause und hat berechtigte Hoffnungen ein schweres Auswärtsspiel gewinnen zu können. Allerdings muss ein wichtiger Spieler ausgewechselt werden und schon zerbricht das Gebilde unter der ersten Belastung.

Und obwohl der vielen Gegentore, liegt das Problem bei weitem nicht nur in der Abwehr. Weitestgehend nicht an der Einstellung. Vielmehr ist es das Spiel MIT dem Ball, was uns immer wieder den Genickbruch bringt. Denn allein gut gegen den Ball spielen, bringt keinen Erfolg. Selbst das laufintensivste Konzept kommt an seine Grenzen, wenn der Gegner über Mittel und Wege verfügt dieses zu umschiffen. Nicht umsonst hat Jürgen Klopp in der PK vor der Partie in Bremen darauf hingewiesen, dass man beim BVB die Qualität hat so etwas gegen jeden Gegner egalisieren zu können. Augsburg hat in der Hinrunde 12/13 gut gegen den Ball gearbeitet, Ende Dezember aber nicht einmal zehn Punkte auf dem Konto gehabt. Der Umschwung und auch die guten Leistungen diese Saison beruhen auf einer simplen und klaren Philosophie. Das eigene Spiel MIT dem Ball.

Nur wer den Augsburger Wandel vollzieht, wer wie Berlin oder letztes Jahr Frankfurt offensiv und Selbstbewusst in Spiele geht, kann in der Bundesliga einen sicheren Platz erreichen.

Man redet hier nicht von genialen Kombinationen und unendlichen Ballstafetten. Vielmehr geht es darum Ballbesitz von über 50% zu genieren, Passquoten von über 70% zu erreichen. Dadurch sich Selbstvertrauen und Mut anzuspielen. Dem Gegner zu zeigen: nicht mit uns. Nur allein Verteidigen reicht heutzutage nicht mehr aus. Mannschaften wie Braunschweig (und auch Bremen momentan), die nichts anderes auf der Agenda stehen haben, können nicht überleben. Nur wer den Augsburger Wandel vollzieht, wer wie Berlin oder letztes Jahr Frankfurt offensiv und Selbstbewusst in Spiele geht, kann in der Bundesliga einen sicheren Platz erreichen.

Und genau deshalb rede ich in Bremen nicht von einem Abwehrproblem, sondern von dem Problem des eigenes Aufbauspiels. Kein Ballbesitz in des Gegners Hälfte. Aber in der eigenen. Von Zeit zu Zeit Übergewicht im Mittelfeld schaffen und gezielte Angriffe spielen. Keine hektischen Zuspiele ins Blaue. Lieber auch mal zehn Minuten einfach nur den Ball haben ohne Raumgewinn. Klingt langweilig. Ist es auch. Allerdings mit dem positivem Nebeneffekt, dass so immerhin der Gegner nicht ins Spiel eingeladen wird.

Es geht um das Licht am Horizont. Und selbst wenn es zu dunkel ist, sich zumindest den Glauben zu bewahren, dass es da ist.

Auch ich bin enttäuscht. Würde Robin Dutt keine Bestnote ausstellen. Aber er hat es sich verdient weiter die Chance zu bekommen. Sich zu beweisen. Uns zu zeigen dass er diesen Verein in die Spur bringen kann. Dass die Aufgabe nicht einfach ist, sollte allen klar sein. Und so wurde es vor der Saison kommuniziert. Eine Saison die auch weh tun wird. Und das tut sie. Sogar richtig weh. Es gibt nur einen Weg aus dieser Situation herauszukommen. Und der liegt nicht darin, eine Mannschaft ohne Selbstvertrauen Medienwirksam an den Pranger zu stellen oder sie gnadenlos auszupfeifen und zu attackieren.

Die Kunst ist es jetzt den Kopf hoch zu halten. Nicht jedes kleine Detail an den Haaren herbei zu ziehen, nur um zu zeigen wie schlecht alles ist. Es geht um das Licht am Horizont. Und selbst wenn es zu dunkel ist, sich zumindest den Glauben zu bewahren, dass es da ist. Jeder der diese Mentalität nicht hat, der nicht am Samstag 15:30 Uhr ins Stadion geht und daran glaubt, dass heute der Tag der Tage ist, der soll zu Hause bleiben. Den braucht der SV Werder nicht. Unsere einzige Stärke ist der Zusammenhalt. Das Vertrauen ineinander auch in solchen Zeiten. Wenn wir das verlieren und nur noch destruktiv kritisieren, bemängeln und alles in Frage stellen, haben wir schon verloren. Dann gibt es nichts mehr was uns oben hält.

Die letzte Bastion muss unsere Farben tragen.

Und wir können das. Selbst bei einem Stand von 1:5 wird aufgestanden und gesungen. Selbst nach einem Spiel wie gegen Augsburg ist das Stadion die Woche darauf ausverkauft. Wir müssen kritisch bleiben, dürfen aber nicht in den alles-ist-scheiße-und-nützt-doch-eh-alles-nichts Modus verfallen. Wenn du als Athlet bei Olympia an den Start gehst, dann glaubst du an die Chance, egal wie oft du zuvor letzter geworden bist, dieses Mal besser zu sein. Wenn man diesen Glauben verliert, hat man im Profisport nichts verloren. Das muss man sich bewusst machen. Deswegen erzählt Thomas Eichin von den Chancen die da sind, nicht von der Angst, dem Risiko. Nicht weil er es nicht erkennt, sondern weil er aus eigener Erfahrung weiß, dass es jetzt nur darauf ankommt an sich zu glauben. Die Möglichkeit wahrnehmen zu können. Die letzte Bastion muss unsere Farben tragen.

Die Schritte müssen kommen. Gegen den BVB war es ein kleiner Schritt nach vorne. Bei weitem nicht genug. Jetzt kommt gegen Gladbach der nächste. Gegen Frankfurt wieder der nächste und immer so weiter. Immer den Kopf hoch und nach vorne gerichtet. Weil wir es schaffen können. Weil wir daran glauben. Denn NUR so schafft man den Klassenerhalt. Alles andere ist einfach, ist feige und schafft eine Atmosphäre in der irgendwann gar nichts mehr geht. Wir sind Werder. Lebenslang. Auf gehts!

 

Wenn der Klaus mit dem Thomas

Wenn die Bayern, Dortmund und Leverkusen unter der Woche sich die Ehre auf Europas Spielfeldern geben, sitzt man in Bremen auf dem Sofa und dreht Däumchen. Da man das am Besten zu zweit tun kann, macht sich der Klaus, wie jeden Mittwochabend, auf den Weg…

Klaus verabscheute den Leihwagengeruch. Es roch alles so fremd, aber irgendwie doch so vetraut. Manchmal fragt er sich, ob sich das alles überhaupt lohnt. An einem Mittwochabend dieses Kindergartengetue. Aber es geht einfach nicht anders. Zu tief ist der Graben zwischen ihr und Klaus. Angefangen hat dieser Quatsch vor einer halben Ewigkeit. Wenn er doch nur noch wüsste warum.

Für einen kurzen Moment hält er inne. Eine Katze überkreuzt die Straße und stoppt für einen Augenblick in dem Lichtkegel der Laterne, die 10 Meter vor dem Leihwagen den Gehweg erhellt. Es machte den Eindruck, als ob sie Klaus beobachten würde. In dem Bruchteil einer Sekunde sprintete sie ins nächste Gebüsch. „Vielleicht hat sie eine Maus gewittert“, überlegte sich Klaus und versuchte seine Gedanken wieder zu ordnen.

Seit einigen Jahren war er um diese Uhrzeit nicht mehr hier gewesen. Nervosität machte sich breit. Sie war immer noch im Haus! Aus lauter Anspannung schaute er noch einmal auf den Rücksitz, wo Chips und ein Sixpack Bier lagerten. „Ganz schön teuer“, dachte er laut und erschrock sich dabei über seine eigene Stimme. Natürlich wusste er, dass die Tankstellen einen großen Teil ihres Umsatzes mit genau diesen Sachen machen. Es störte ihn sonst eigentlich auch nicht so sehr, aber in der momentanen Situation war ihm jede Ablenkung recht.

Plötzlich öffnet sich die Haustür und sie verließ mit strikter Miene und noch geradlinigerem Gang das Haus Richtung Garage. Zwei Minuten später rollte ihr Wagen von der Einfahrt und wieder nur wenige Augenblicke später war er in der Dunkelheit verschwunden. Klaus zögerte. Sein Gefühl und seine Erfahrung in solchen Situationen riet ihm besser noch sitzen zu bleiben.

Klaus öffnete die schwerfällige Autotür und lies sie lautlos ins Schloss fallen. Mit zielgerichteten Schritten näherte er sich der Tür. Er verschwendete keinen Blick nach Links oder Rechts. Motorengeräusche kamen näher, als er die ersten Stufen der kurzen Steintreppe erklommen hatte. War sie zurück? Vielleicht hatte sie etwas vergessen. Er fing an zu schwitzen. Beinahe wäre ihm das Bier aus der Hand gerutscht. Jetzt musste das Auto direkt hinter ihm sein.

Das Taxi hielt drei Häuser weiter an und gabelte zwei innig umschlugene Teenies auf. Er hatte sie garnicht bemerkt. Sie ihn augenscheinlich allerdings auch nicht, da die beiden genug damit zu tun hatten sich gegenseitig die Zahnspangen zu putzen. In Windeseile spurtete Klaus zum Klingelschild.

Ding Dong. Es dauerte. Gefühlte Minuten vergingen. Die Tür öffnet sich und bei Klaus machte sich das erste mal an diesem Tag ein angenehmes Gefühl breit. Polo Hemd, Werder Shorts, weiße Socken und Badelatschen lachten ihn geradezu an. „Wir kaufen nichts!“ und wieder stand er vor der verschlossenen Tür. Manchmal hasste er Thomas Humor. Ding Dong. Ding Dong. Thomas stand direkt hinter der Tür und machte völlig entnervt dieselbe auf. „Jaja ich bin doch kein D-Zug.“ Ein verschwitztes Grinsen machte sich in seinem Gesicht breit. Klaus stöhnte und ging hinein.“ Hoffentlich“, dachte er für sich ,“spielen wir nächstes Jahr wieder Champions-League!“.